JUD SÜß

JUD SÜß

 „Jud Süß“ 

Eine unorthodoxe Karriere: Die Welt der ultraorthodoxen Juden in Israel ist eine hermetische Welt. So wird der fast ausschließlich von strenggläubigen Juden bewohnte Stadtteil Mea Shearim in Jerusalem zwar von den meisten Reiseführern als eine Sehenswürdigkeit benannt, doch gleichzeitig wird auch darum gebeten, hier nicht zu fotografieren. Das forciert die Neugierde, denn die hier nach alter Tradition lebenden Menschen faszinieren in ihrer eigentümlichen Kleidung, ihren biblisch anmutenden Physiognomien. Mea Shearim und andere chassidische Siedlungen in Israel erscheinen den Besuchern aus dem 21. Jahrhundert als eine versunkene Welt des Mittelalters. Ähnlich wie die Amish People in Amerika kleiden und frisieren sich die Menschen wie ihre Vorfahren und sprechen eine altertümliche Sprache. Nahezu alle Familien stammen von aschkenasischen Juden ab, die während der Diaspora vor fast zweitausend Jahren in eine der entlegensten Gegenden des römischen Weltreiches verschleppt wurden, in das heutige Deutschland. Erste Zentren waren bekanntlich Trier und Köln, später das Rheinland und die Pfalz, wo im Mittelalter in den SCHUM-Städte (Speyer, Worms, Mainz) große jüdischen Gemeinden existierten. Vertreibungen in der Zeit der Kreuzzüge und die großen Pest-Epidemien des 14. Jahrhunderts führten die Mehrheit der aschkenasischen Juden nach Osteuropa, wo sie ihre mehr oder weniger mittelhochdeutsche Mundart in hebräischer Schrift beibehielten. Pogrome des 19. Jahrhunderts in Osteuropa vertrieben wiederum viele Juden nach Palästina, den heutigen Staat Israel, wo Jiddisch bis heute die Umgangssprache der Aschkenasim darstellt. Der junge israelische Fotograf Benyamin Reich spricht Jiddisch als Muttersprache, ist hineingeboren in eine Welt, die sich seit dem 19. Jahrhundert konsequent der Moderne verweigert, um sich unbeirrt einem rein religiösen Leben zu verschreiben. Benyamin Reichs Vater ist sogar Rabbiner, der seinen Sohn sicherlich gerne als einen seiner Nachfolger gesehen hätte. Doch der Sohn hat sich nicht nur über das traditionelle Bilderverbot der jüdischen Kultur hinweggesetzt, sondern sich auch einer modernen Technologie zugewandt: der Fotografie und den digitalen Bildwelten des 21. Jahrhunderts. Der überraschend liberale Vater hat ihn deshalb nicht verstoßen, im Gegenteil, er hat sein künstlerisches Talent stets gefördert und sein Kunststudium in Jerusalem und Paris unterstützt. Dennoch war der bisherige Lebensweg des Benyamin Reich nicht ohne Konflikte und sicherlich eine komplizierte Suche nach individueller Befreiung und selbstbestimmter Identität. Die Entscheidung für die unorthodoxe Karriere als Künstler und der Umzug nach Berlin manifestieren ein starkes Selbstbewusstsein, das jedoch keinen Bruch mit der Familie oder gar mit der Religion bedeutet. In diesem Sinne lässt sich Benyamin Reich heute als ein relativ freier Mensch betrachten, dessen Kunst nicht mehr nur der Selbstreflektion dient, sondern einen Weg in eine internationale Öffentlichkeit gesucht und gefunden hat. "Jud Süß" lautet der Titel dieser Ausstellung in der alten SCHUM-Stadt Worms und ihrem noch jungen Kunstverein, angeregt durch die Nibelungenfestspiele Worms, die dieser historischen Figur erneut ein Schauspiel gewidmet haben. Dabei geht es bekanntlich um den 1698 in Heidelberg geborenen und 1738 in Stuttgart hingerichteten Finanz- und Staatsmann Joseph Süß Oppenheimer. Seine Karriere und sein gesellschaftlicher Aufstieg waren beispielhaft, sein Ende jedoch tragisch wie auch die Verunglimpfung seiner Person im Dritten Reich. Er war einer der ersten, dem es gelang, die soziale Ghettoisierung seiner Glaubensgenossen zu überwinden, so dass er ein Vorbild für alle Juden nach ihm sein kann, einschließlich Benyamin Reich. In diesem Sinne zeigen dessen Fotos seine Loslösung von einem zeitgenössischen Ghetto, in dem die Menschen isoliert sind wie einst in ihren osteuropäischen Stäteln, sozial stagnieren und im eigenen Staate als Außenseiter leben.Über den persönlichen Bezug hinaus lassen sich die Bilder des Benyamin Reich als eine Art ethnologische Dokumentation verstehen, doch Reich ist selbst ein Insider und versteht sich als Künstler, der Gefühle und Stimmungen zum Ausdruck bringen will. Er darf und kann fotografieren, was Außenstehenden kaum möglich ist. Er schaut hinter die Fassade der oft sehr unnahbar wirkenden Menschen und zeichnet ein realistisches Bild ihrer Lebensumstände. So zeigen viele Bilder des Benyamin Reich die Isolation dieser Welt, ja sogar ihre Armut und Tristesse. Die Atmosphäre in den Gebetshäusern wirkt nur selten spirituell angeregt und oft eher bedrückend. Trotzdem leuchten viele junge Gesichter in religiöser Frömmigkeit. Andere erscheinen eher gelangweilt, stupide oder melancholisch. Während die älteren Männer meist eine ehrfürchtige Würde ausstrahlen, sehen die Jüngeren in ihren Hüten oder Pelzmützen oft ungewollt linkisch aus. Andere hingegen sind schön und sogar sexy. Benyamin Reich zeichnet ein sehr differenziertes Bild dieses Milieus, und zeigt dabei durchaus kritische Perspektiven, die verstehen lassen, dass ein intelligenter und talentierte junger Mann aus dem ewigen gleichen Ritual der Normen ausbrechen muss. Doch sein Blick auf die Menschen seiner Heimat und Familie offenbart auch eine liebevolle Sichtweise, die sich besonders bei den Porträts des Vaters andeutet.

Dr. Dietmar Schuth