BLACK STARS

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Gespräch mit Cilly Kugelmann, Jüdisches Museum Berlin.

Fragen an Benyamin Reich

Wo Sind Sie geboren und aufgewachsen?

Ich bin 1976 als fünftes von elf Kindern in Bnej Brak geboren, einer Stadt östlich von Tel Aviv, die vorwiegend von orthodoxen Juden bewohnt wird. Als ich drei Jahre alt war, zog meine Familie nach Sichron Jakov, einem 5000 Seelen-Ort südlich von Haifa, wo mein Vater die Stelle des Rabbiners in einer Talmudhochschule einnahm. In diesem Ort, in unmittelbarer Nahbarschaft von uns, lebten Christen aus Deutschland, die während der 1970er Jahre nach Israel gekommen waren, die mich sehr faszinierten. Diese schwäbisch-puritanische Sekte, die sich Beth El nennt, lebte wie wir in einer Gemeinschaft, deren Alltag durch Frömmigkeit und Anspruchslosigkeit gekennzeichnet ist. Sie waren uns sehr ähnlich, aber gleichzeitig auch der absolute Gegensatz. Das war meine erste Begegnung mit Deutschland. Ich wuchs wie alle Kinder auf, die in einer chassidischen Umgebung groß werden, ohne Radio und ohne Fernsehapparat, aber mit viel Natur und dem Meer um uns herum. Mein Vater kam aus einer liberal denkenden Familie aus Großbritannien; sein Großvater war Antiquitätenhändler, der Judaica verkaufte. Meine Mutter, deren Familie aus Ungarn und Polen stammte, war typisch für Bnej Brak, d.h. auf die dort vorherrschende Art konventionell und fromm.

Welche Rolle spielte der Umgang mit dem Bild in Ihrer Erziehung?

Ich erinnere mich an meine erste, sehr hässliche Erfahrung: Im Cheder zeichnete ich mit Bleistift Dinge wie Tefilin (Gebetsriemen) und Bücher in mein Heft. Als der Lehrer das bemerkte, kam er rot vor Wut an meinen Tisch, zerriss die Seiten und warf sie in den Mülleimer. Mein Vater hingegen war sehr aufgeschlossen. Er merkte, wie wichtig das Zeichnen für mich war und schickte mich sogar zum Zeichenunterricht. Da war ich 12 Jahre alt. Das war sehr ungewöhnlich und wäre in einer anderen orthodoxen Familie kaum denkbar gewesen.

Wann und wie haben Sie gemerkt, dass Sie kein Talmudgelehrter werden wollen?

Ich habe mich immer schon als Außenseiter gefühlt und mein Leben in der orthodoxen Gemeinschaft in der Ambivalenz von drinnen und draußen betrachtet. Unter den Chassidim war ich ein netter, angepasster Junge, der wie die anderen gekleidet war, der die Schläfenlocken nicht schnitt und Kippa und Hut trug; ich war ein Junge, der immer lächelte und den alle mochten. In mir wuchs aber eine Distanz zu dem Leben, das ich führte, über die ich mit niemandem sprechen konnte. Zeichnen war für mich das einsame Instrument, mit dem ich diese zunehmende Spannung zwischen den beiden Welten zu bewältigen versuchte. Dann zeigte mir ein Freund meines Vaters, ein amerikanischer Hochzeitsfotograf, der religiös wurde, seine Arbeiten, die mich sehr in den Bann zogen. Mit dem Fotoapparat fand ich ein neues Instrument, mit dem ich meine eigene Welt ausdrücken konnte. Ich fing an, in der Jerusalemer Altstadt, auch in dem christlichen Quartier, zu fotografieren sowie in Mea Schearim, dem religiösen Stadtviertel. Ich hatte kein Konzept und keine Vorstellung davon, was ich damit erreichen wollte; ich versuchte die beiden abweichenden Welten, in denen ich lebte, als Beobachter zu erschließen. Dann schnitt ich meine Schläfenlocken ab, was meine Eltern wortlos hinnahmen. Die Kamera hat mir dabei geholfen, mich von meiner elterlichen Welt zu trennen. Sie verhilft mir dazu, mir aus der Entfernung ein Bild von dem zu machen, was ich eigentlich gut kenne. Andererseits sorgt der Blick durch die Kamera auch dafür, mir die eigentlich immer fremd gebliebene Welt der Orthodoxie nahezubringen. Fotografieren ist für mich ein Blick in einen Spiegel, der sowohl eine innere, wie auch eineäußere Welt reflektiert.